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Hürden für Linkshänder


  Glosse: Ein Tag im Leben einer Linkshänderin
Kritischer Überblick - Geschichte, Sprache und Alltag

Glosse

Ein Tag im Leben einer Linkshänderin oder woher die Redewendung kommt: "Ich bin heute mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden"

Müde erhebe ich mich und schwinge das linke Bein zuerst aus dem Bett, nachdem der Wecker wie jeden Morgen einfach keine Ruhe gab. Na, dann ab ins Badezimmer, wo das so genannte "stille Örtchen" so seine Tücken für mich bereit hält, denn Spülung und Toilettenpapierhalterung befinden sich rechts! Na gut, ich kann ja wahlweise sitzen bleiben beim Abspülen, dann muss ich nur noch mit links nach hinten greifen, um zur Strafe eine kalte Dusche meiner 4 Buchstaben zu bekommen. Beim anschließenden Händewaschen betätige ich den Wasserhahn, der sich mysteriöserweise nur in die verkehrte Richtung drehen lässt, halte die Hand unter den Wasserstrahl und verbrenne mich fast. Mist, wieder mal, besonders wenn ich noch so müde bin, instinktiv den linken Hahn für heißes Wasser aufgedreht! Einem Rechtshänder würde so etwas nie passieren, wenn er hier ohne nachzudenken agiert. Okay, nun bin ich wirklich wach von dem Schreck und putze meine Zähne. Auf meiner Zahnbürste steht irgendein Markenname, aber auf dem Kopf! Wenigstens entkomme ich so einer der vielen Werbeattacken der Industrie.
 

Nun aber schnell ins Schlafzimmer zum Anziehen! Übrigens sind meine Sachen auf der Kleiderstange von links nach rechts aufgereiht. In der Bekleidungsbranche sorgen "Linkser" damit sicher für einige zusätzliche Arbeitsplätze, denn nach dem Anprobieren in Geschäften hängen wir die Kleidung instinktiv andersherum wieder auf und stören damit die "rechte" Ordnung auf den Ständern.
So, ich entscheide mich heute für eine Hose und Bluse. Damenhosen haben meist nur eine Tasche hinten rechts, in die "frau" ihr Portemonnaie stecken kann; da ich keine Handtaschenfreundin bin, mühe ich mich jeden Tag neu, den Geldbeutel in die Hosentasche zu bekommen. Da tröstet mich die Tatsache kaum, dass linkshändige Männer, die Unterhosen mit Eingriff benutzen, die Dinge noch weniger im Griff haben als ich! Verwöhnt werden wir Linkshänderinnen allerdings bei Blusen, denn traditionsgemäß sind auch heute noch deren Knopfleisten so angebracht, dass sich die Knöpfe leichter linkshändig schließen lassen. Früher erledigten Damen dieses nämlich nicht selbst, sondern ihre Ankleidedame, die es so von vorn als Rechtshänderin einfacher hatte...
 

Genug sinniert, nach all diesen kleinen Strapazen, Verbrennungen und kalten Duschen habe ich mir das Frühstück redlich verdient.
Kaffeekochen ist auch so eine Sache. Ich habe die Wahl zwischen einer rechtshändigen Kaffeemaschine, einem ebensolchen Wasserkocher und einem Mikrowellengerät für Rechtshänder. Die Kaffeekanne hat für mich freundlicherweise die Skala hinten, die Aufhängung für den Filterhalter ist rechts, die Füllstandsanzeige ist rechts und der Knopf zum Anschalten wird von links nach rechts bewegt! Der Wasserkocher hat dasselbe Problem wie die Kaffeekanne, und die Mikrowelle hat nicht nur alle Bedienelemente auf der rechten Seite, sondern ihre Tür öffnet sich auch noch nach links, so dass sie sich besser von rechts befüllen lässt. All dies macht Gott sei Dank das Kaffeekochen nicht unmöglich, aber leider zu einem unfreiwilligen Hindernisrennen! 
Wenn ich nun auch noch auf den verwegenen Gedanken komme, eine Scheibe Brot essen zu wollen, wird es wieder knifflig. Die Brotschneidemaschine hat natürlich die Kurbel auf der rechten Seite, und Brotmesser (*) produzieren unter meiner Regie immer völlig armselig aussehende schiefe Keile durch ihren rechtshändigen Wellenschliff. Gut, dass ich wenigstens nicht schon zum Frühstück eine Dose öffnen muss, denn die linkshändige Benutzung eines Dosenöffners (*) sieht abenteuerlich aus. Rechtshändige Beobachter würden sicher eine bislang unbekannte, seltsame Bewegungsstörung bei mir vermuten, so abstrus mutet mein Bemühen, damit an den Doseninhalt zu gelangen, an.
 

Frühstück beendet, schnell noch Geschirr spülen, dann muss ich aber aus dem Haus. Leider werde ich auch mit dem Spülen etwas später fertig als mir lieb ist, denn wenn ich mit links abwasche, muss meine rechte Hand das fertig gespülte Geschirr immer umständlich über die linke Hand hinweg zur Abtropffläche (*) auf der linken Seite befördern. Mir ist wirklich nicht klar, warum wir den Ruf haben, ungeschickt zu sein; schaffen wir es doch täglich, die fast überall eingebauten Hürden wörtlich mit links zu nehmen wie kein Rechtshänder es könnte! Endlich fertig, ich hasse Spülen!
 

Ob sich Linkshänder wohl besonders gern öffentlicher Verkehrsmittel bedienen, weil diese einfacher zu benutzen sind als Auto, Motorrad oder Fahrrad? Das Auto ist eine einzige Schikane: Mit welcher Hand muss ich den Zündschlüssel einstecken, die Handbremse lösen und schalten? Richtig, mit der falschen! Auch Bremsen und Gasgeben lassen mir keine Wahl, meine wahren Qualitäten als Autofahrerin zu beweisen. Wenigstens darf ich mit links blinken!
Immerhin stelle ich mich geschickter als Rechtshänder an den meist sowieso etwas widerspenstigen Ticketautomaten der Parkhäusern an, weil sich von der Fahrerseite aus das Ticket leichter mit links herein schieben lässt... 
Was Motor- und Fahrräder für Linkshänder schwieriger zu handhaben macht, dürften Sie nun schon ahnen! Man suche Bremsen, Schaltung und dergleichen wichtige Bedienelemente. Ein heißer Tipp: Rechts geschaut!
 

Bevor ich einkaufen gehe, muss ich leider noch einmal telefonieren. Da ich keines dieser neumodischen und teuren Handys besitze, bin ich auf die blöden Telefonzellen angewiesen. Dort wird, wie bei allen Automaten, rechts oben das Geld eingeworfen. Der Hörer ist links angebracht, damit ich mit rechts wählen muss. Außerdem habe ich eine Schreibfläche auf der rechten Seite. Man kann sich leicht vorstellen, welch artistische Fähigkeiten ich brauche, damit mir so Notizen während des Telefonats möglich sind. Wenn ich dann noch ein Notizbuch mit Ringmechanik benutze, sind beim Beschreiben der Vorderseiten zusätzlich immer die Ringe im Weg. Eine Hürde nach der anderen!
 

Nun geht's ins Sparparadies. Ja, die Bezeichnung ist, wenigstens für uns Linkshänder, keine irreführende Werbekampagne des Supermarkts. Denn wir sparen, wo wir instinktiv zugreifen! Als aufgeklärter Verbraucher haben Sie ja sicher schon gehört, dass die Warengruppen in ihrer Abfolge nicht zufällig angeordnet und die teureren Artikel stets auf Augenhöhe platziert sind. Aber wussten Sie, dass die teuersten Artikel auch wundersamerweise stets dort zu finden sind, wo sie von Rechtshändern am leichtesten zu erreichen sind?
So spare ich mich bis zur Kasse weiter, um wie jeder anständige Kunde dann doch mein Geld loszuwerden. Sogar wie im Flug werde ich es los! Denn wenn ich den Geldbeutel zücke, um nach Münzen zu forschen, fallen die wenigen mir verbliebenen Scheine gern heraus, da bei linkshändiger Benutzung des Portemonnaies (*) das Scheinfach, seinem Namen alle Ehre machend, nach unten (!) hin geöffnet ist. So, jetzt sind die Einkäufe erledigt, ich aber leider auch.
 

In dieser Geschichte gehe ich lieber nicht zur Arbeit, denn die Schilderung all der Hindernisse, denen wir auch im Berufsleben ausgesetzt sein können, würde hundertprozentig eine unendliche Geschichte ohne (Michael) Ende werden. Fatal ist, dass das Leben nur durch unsere Zivilisation, die vergessen hat, dass es auch linkshändige Zeitgenossen gibt, so kompliziert ist. Mir ist nämlich kein einziges Beispiel bekannt, wo uns die Natur selbst benachteiligt!
 

Nun wissen Sie, warum man sprichwörtlich mit dem linken Bein zuerst aufgestanden ist, wenn ein Tag einfach nicht so laufen will, wie man möchte!
 

Anmerkungen:

Die mit (*) gekennzeichneten Gebrauchsgegenstände sind nun endlich auch in speziellen Versionen für Linkshänder zu erhalten. Die meisten allerdings nur in Spezialgeschäften und vielfach wesentlich teurer als die Rechtshandartikel. Wer das Glück hat, seine Küche entwerfen lassen zu können, kann Möbel, Arbeitsflächen und Spüle auch so einbauen lassen, dass die Arbeitsabläufe für Linkshänder leichter zu bewältigen sind!
 
 

Kritischer Überblick - Geschichte, Sprache und Alltag


Hürden gibt es für Linkshänder an allen Ecken und Enden, vielleicht trägt dieser Umstand ja auch wesentlich zu der größeren Kreativität bei, die uns Linkshändern so nachgesagt (Newland, 1981) wird. (-:

Geschichte

Zu allen Zeiten sind Linkshänder in der Minderheit gewesen und der Mehrheit der Rechtshänder allein schon dadurch irgendwie "suspekt". Andersartigkeit ist eben immer auffällig, und so wurden und werden Minderheiten nach wie vor auf verschiedene Arten belächelt, ausgegrenzt, diskriminiert, wenn nicht gar verfolgt. 
Im Mittelalter war Linkshändigkeit sogar eine Eigenschaft, die einen auf den Scheiterhaufen bringen konnte.
Auch Hitler bzw. Heinrich Himmler scheinen Überlegungen angestellt zu haben, ob diese Gruppe etwas dezimiert werden sollte. Jedenfalls sind wohl einige dubiose wissenschaftliche Experimente mit Linkshändern durchgeführt worden (Himmler, 1935)

Sprache

In der Sprache finden sich auch heute noch eine Menge Redewendungen, die links negativ belegen. Und dies ist leider internationale Praxis. Im Deutschen fallen mir spontan folgende ein:

Ein ganz linker Vogel sein; zwei linke Hände haben; linkisch sein; jemanden links liegen lassen; jemanden linken.

Oder diese Sprichwörter /Volks"weisheiten":

- Wer am Morgen mit dem linken Bein aufsteht, dem gelingt den ganzen Tag nichts.
- Läuft einem eine schwarze Katze von links nach rechts über den Weg, so gibt's ein Unglück.
- Fleiß ist des Glückes rechte Hand, Sparsamkeit die linke.
- Von links nach rechts - bringt's schlecht's
 

"Es geht wohl nicht ganz mit rechten Dingen zu", dass rechts stets positiv bewertet wird:

Rechtschaffen sein; die rechte Hand des Chefs sein; jemanden auf den rechten Weg bringen; Recht haben; richtig handeln.

Auch in diesen Sprichwörtern/Redewendungen findet sich eine positive Bewertung:

- was Recht ist, muss Recht bleiben
- von rechts nach links, Glück bringt's
- das ist nur recht und billig
- der Vater sieht nach dem Rechten
- der ist nicht recht bei Trost
- ich glaube, sie hat ihr Herz am rechten Fleck
- er bringt es schon wieder ins rechte Lot
- das geschieht ihm recht
- etwas rechtfertigen
- jemandem etwas recht machen
- nichts Rechtes können

Es sei angemerkt, dass manche der obigen Redewendungen (z.B. rechtschaffen sein) eigentlich nichts mit dem richtungsanzeigenden Wort "rechts" zu tun haben, sondern sich von den Worten "recht; lat. rectus" und "richtig" herleiten. Trotzdem assoziieren die meisten nicht besonders etymologisch bewanderten Menschen häufig auch hierbei recht(s) mit richtig und im Umkehrschluss dann links mit unrichtig.
 

Alltag

Auch heute noch kann man als Linkshänder nicht überall mit Akzeptanz, Verständnis und Entgegenkommen rechnen. Leider halten sich viele Vorurteile hartnäckig und auch der Aberglauben ist in weiten Bevölkerungsschichten noch tief verankert. Das findet nicht zuletzt in Filmen wie "Dämon" (USA, 1998) Niederschlag, wo der Dämonenbefall sich durch plötzliche Linkshändigkeit des Betroffenen äußert, da der Dämon, wie angeblich der Teufel selbst, Linkshänder ist; auch in Krimis ist oft nicht der Gärtner, sondern der Linkshänder der Mörder!

Alles in allem werden Linkshänder zwar meist geduldet, haben aber im allgemeinen keine besonderen Ansprüche zu stellen, sich möglichst anzupassen und sollen einfach sehen, wie sie zu"recht"kommen.

Gebrauchsgegenstände für Linkshänder

Wer's nicht glauben kann, frage doch einfach mal in normalen Geschäften nach Artikeln für Linkshänder. Nun gut, immerhin kann man heutzutage in etwas größeren Läden schon erwarten, auch mal eine passende Schere zu finden. Aber wie steht es mit Linealen, Anspitzern, Korkenziehern, Soßenlöffeln, Elektrogeräten, Musikinstrumenten, Sportartikeln oder auch mit Textilien? Ja, die Frage nach Unterhosen mit Eingriff auf der linken Seite ist wirklich die ultimative Frage, um den typischen erstaunten, mitleidigen und entnervten Gesichtsausdruck eines Verkäufers zu sehen zu bekommen! "Nein, was für eine unmögliche Frage man da schon wieder gestellt hat, was man da schon wieder will, Mensch, man kann sich aber auch wirklich anstellen", denkt der Verkäufer.
Aber warum eigentlich gibt es solche Artikel nicht? Oder noch besser gefragt: Warum sollten Linkshänder nicht auch Gebrauchsgegenstände finden und fordern können, die genauso perfekt für ihren Bedarf abgestimmt sind wie die Artikel für Rechtshänder? Oder zumindest erwarten können, dass Dinge nicht unnötig nur für den Gebrauch mit der rechten Hand geeignet hergestellt werden? Wenn es so egal ist und wäre, auf welcher Seite beispielsweise ein Ausgießer am Soßenlöffel sitzt, warum gibt es denn dann nur die eine Variante?
Muss wohl doch irgendwie praktischer sein, wenn man die Soße zum Körper hin gießt und so besser sehen kann, wo sie landet!
Vielfach ist es aber vollkommen unnötig, einen Gegenstand nur für die einseitige Verwendung herzustellen: Der Soßenlöffel könnte z.B. problemlos an beiden Seiten einen Ausgießer haben. Dann könnte er genauso gut vom Linkshänder benutzt werden oder ein Rechtshänder kann den Artikel auch dann benutzen, wenn er seine rechte Hand gerade nicht frei hat!

Dass so viele Produkte für den ausschließlich rechtshändigen Gebrauch hergestellt werden und es sehr oft keine Alternativen für Linkshänder gibt, liegt sicher nicht an einer Böswilligkeit der Rechtshänder. Diese sind sich nur den Problemen und Wünschen, die Linkshänder haben, meist nicht bewusst! 
Wo eine Nachfrage ist, da ist auch ein Weg (etwas zu verdienen (-;)!
Und wenn sich keiner beschwert... dann gefällt das Produkt wohl allen Kunden so!?

Hier trifft die Linkshänder selbst eine Menge Schuld. Sie sind oft zu gewohnt, sich anzupassen und irgendwie zu"recht"zukommen und haben nie darüber nachgedacht, dass es auch anders und einfacher gehen könnte. Viele haben es nie gelernt, für ihre "Rechte" und Bedürfnisse einzustehen: "Bloß nicht auffallen!" 
Warum eigentlich nicht, wenn doch offenbar nötig?
Wofür müssen wir uns eigentlich schämen oder warum sollten wir uns verstecken?

Allein in Deutschland leben mehr als 16 (sechzehn!) Millionen Linkshänder, wenn man einen realistischen Linkshänderanteil von rund 20 Prozent (Otte-Schacht, 1993) zugrunde legt.

Außerdem: Wenn Linkshänder sich nicht länger unnötig mit ihrer Händigkeit unangepassten Gebrauchsgegenständen abmühen (müssen), wird sicher bald auch endlich (!!!) das unselige Vorurteil vom linkischen und ungeschickten Linkshänder der Vergangenheit angehören. Denn wer nicht länger umständlich, verdreht und verquer hantieren muss, sieht plötzlich - wen wundert's? - auch kein bisschen "ungeschickt" oder "linkisch" mehr aus...

Fazit: Fragen, fordern, nicht unkritisch anpassen und nicht verstecken! (-;


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Letzte Bearbeitung: 26.06.2004


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